Inhaltsverzeichnis:
- Geopolitische Stabilität und Resilienz der Lieferkette
- Steigende Kosten in traditionellen Beschaffungsmärkten
- Regulatorische Vorteile und Compliance
- Schnellere Markteinführung
- Qualität und Innovation
- Nachhaltigkeit und Verbrauchernachfrage
- Strategisches Timing: Warum gerade 2026?
Geopolitische Stabilität und Resilienz der Lieferkette
Die Beschaffung aus einem einzigen Land oder einer einzigen Region birgt Risiken. Viele Unternehmen haben dieses Risiko über Jahre hinweg unterschätzt. Sanktionen, Handelsspannungen und anfällige Schifffahrtsrouten haben die Resilienz der Lieferkette zu einem Thema auf Vorstandsebene gemacht.
Die Rotmeer-Krise 2024 hat das deutlich gezeigt. Schiffe, die um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet wurden, verlängerten die Transportzeiten zwischen Asien und Europa im Schnitt um 14 Tage. Bis Mai 2025 lag der Verkehr durch den Suezkanal weiterhin 70 % unter dem Niveau von 2023. Das ist kein vorübergehendes, sondern ein dauerhaftes Problem.
Nearshoring nach Europa senkt dieses Risiko, ohne die globale Beschaffung vollständig aufzugeben. Es verteilt die Lieferantenbasis, sodass eine gestörte Schifffahrtsroute nicht den gesamten Betrieb lahmlegt. Unternehmen, die von einem einzigen Lieferanten in China oder Südostasien abhängig sind, können europäische Fertigung nutzen, um zu diversifizieren.
Steigende Kosten in traditionellen Beschaffungsmärkten
Der Kostenvorteil der Offshore-Produktion hat sich über Jahre hinweg verringert. Hier das vollständige Bild.
Arbeitskosten in China

Seit Anfang 2026 sind die Mindestlöhne in 28 Regionen gestiegen. Die meisten liegen mittlerweile über 270 EUR im Monat. Arbeitgeber zahlen zusätzlich Sozialversicherungsbeiträge von 27 bis 44 % auf das Grundgehalt. Zwischen 2020 und 2024 stiegen die Fertigungslöhne um durchschnittlich 6,2 % pro Jahr.
Frachtkosten
Die Frachtraten von Asien nach Europa liegen weiterhin deutlich über dem Vor-Pandemie-Niveau. Bis Mitte 2024 lag der Shanghai Containerized Freight Index (SCFI), ein Maß für die Containerfrachtpreise, mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt 2023. Über weite Teile des Jahres 2025 bewegten sich die Asien-Europa-Raten zwischen rund 3.700 und 5.550 EUR pro 40-Fuß-Container. Die Umleitung um das Kap der Guten Hoffnung kostete zusätzlich 10 bis 15 %.
Versteckte Kosten durch lange Lieferzeiten
Eine Standardbestellung aus Südostasien dauert von Anfang bis Ende 10 bis 16 Wochen: 4 bis 6 Wochen Produktion, 3 bis 5 Wochen Transport, dazu Zoll und Zustellung. Jede Woche, die Waren unterwegs oder im Lager verbringen, bindet Kapital. Falsche Bedarfsprognosen verursachen zusätzliche Kosten durch Abschreibungen. Kosten, die beim reinen Vergleich der Stückpreise nicht sichtbar werden.
Der Stückpreis allein zeigt nicht die vollständigen Kosten.
Regulatorische Vorteile und Compliance
Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die im Mai 2024 von der Europäischen Union verabschiedet wurde, verpflichtet große Unternehmen dazu, Menschenrechts- und Umweltrisiken entlang ihrer Lieferketten zu identifizieren und zu adressieren, einschließlich vor- und nachgelagerter Partner.
CSDDD-Anwendungszeitplan (nach Omnibus-Überarbeitungen, Stand 2026)
Juli 2026: EU-Mitgliedstaaten setzen die Richtlinie in nationales Recht um; die EU-Kommission veröffentlicht Compliance-Leitlinien
Juli 2027: EU-Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitenden und einem weltweiten Umsatz von über 1,5 Mrd. €; Nicht-EU-Unternehmen mit einem EU-Umsatz von über 1,5 Mrd. €
Juli 2028: Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden und einem weltweiten Umsatz von über 900 Mio. €
Juli 2029: Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und einem weltweiten Umsatz von über 450 Mio. €
Die Beschaffung innerhalb der EU vereinfacht den Compliance-Aufwand. EU-Lieferanten halten sich bereits an EU-Arbeitsrecht, Umweltvorschriften und Berichtsstandards. Das reduziert den Prüfaufwand und senkt das Risiko, das von einem nicht-konformen Lieferanten weiter oben in der Kette ausgeht.
Auch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), ein separates EU-Gesetz zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, greift hier. Sie verpflichtet große EU-Unternehmen, ab 2026 über ihr Geschäftsjahr 2025 zu berichten, einschließlich der Scope-3-Emissionen (Emissionen aus der Lieferkette eines Unternehmens).
Immer mehr Branchen erwarten mittlerweile, dass Lieferanten von Anfang an auf diese Vorschriften vorbereitet sind.
Schnellere Markteinführung
Die Beschaffung über Kontinente hinweg verlängert die Produktionszeit um Wochen, und diese Zeit lässt sich ohne höhere Kosten kaum verkürzen. Hier ein typischer Zeitplan für einen europäischen Einkäufer, der aus Südostasien beschafft:

Ein europäischer Lieferant liefert Standardware in der Regel innerhalb von 2 bis 5 Wochen, bei priorisierten Aufträgen entsprechend schneller.
Dieser Unterschied wiegt am schwersten bei kleinen oder bedarfsgesteuerten Bestellungen, bei denen Mindestbestellmengen und Frachtkosten pro Einheit aus Übersee weniger sinnvoll sind. Er spielt auch bei Produkten mit vielen Varianten oder häufigen Änderungen eine Rolle, da ein nahegelegener Lieferant schneller reagieren kann. Und wenn sich die Nachfrage plötzlich ändert, kann ein europäischer Lieferant innerhalb weniger Tage reagieren. Ein Lieferant in Asien benötigt in der Regel Wochen im Voraus, und Luftfracht als Ausweichlösung wird schnell teuer.
Wenn Sie bereits aus Südostasien beschaffen, sind verifizierte europäische Hersteller in den zeitkritischsten Kategorien näher, als Sie vielleicht denken.

Qualität und Innovation
Europäische Hersteller sind seit langem für präzise Arbeit und die Einhaltung von Zertifizierungsstandards bekannt – in Bereichen wie Industrieausrüstung, Automobilkomponenten, Medizinprodukten, Chemikalien, Textilien, Elektronik und Lebensmittelverarbeitung.
Die räumliche Nähe zu Ihren Lieferanten hilft auch bei der Produktentwicklung auf eine Weise, die die Beschaffung eines anderen Kontinentes nicht leisten kann. Gemeinsame Zeitzonen, ähnliche Vorschriften und oft eine gemeinsame Sprache ermöglichen einen schnelleren Austausch bei Designänderungen, Mustern und Spezifikationen. Wenn Sie Produkte gemeinsam mit Ihren Lieferanten entwickeln, bedeutet das eine schnellere Markteinführung und die Möglichkeit, Fehler zu erkennen, bevor sie teuer werden.
Mehrere europäische Regionen liegen in der Nähe starker Forschungs- und Entwicklungszentren: die Ingenieurscluster Deutschlands, der niederländische High-Tech-Korridor, die Fertigungsdistrikte Norditaliens und die Szene für Industriedesign und Automatisierung in Skandinavien. Die Zusammenarbeit mit Lieferanten in diesen Regionen bringt mehr als nur einen Produktionsvorteil.
Und für bestimmte Einkäufer und Beschaffungsstrukturen, besonders in regulierten oder Premium-Kategorien, wo die Herkunft eine Rolle spielt, hat Made in Europe nach wie vor echtes kommerzielles Gewicht.
Nachhaltigkeit und Verbrauchernachfrage
Der Schiffsverkehr verursacht jährlich rund 3 % der weltweiten CO2-Emissionen, und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) geht davon aus, dass dieser Anteil bis zur Mitte des Jahrhunderts um bis zu 50 % steigen könnte, wenn sich nichts ändert. Seit Januar 2024 hat die EU ihr Emissionshandelssystem auf große Schiffe ausgeweitet, die EU-Häfen anlaufen. Grenzüberschreitende Frachttransporte sind damit mit CO2-Kosten verbunden, die es zuvor nicht gab.
Für Einkäufer, die Scope-3-Emissionen (die Emissionen ihrer Lieferkette) ausweisen müssen, macht die Beschaffungsherkunft bei diesen Zahlen einen echten Unterschied. Eine Sendung aus China verursacht deutlich mehr transportbedingtes CO2 als dieselbe Sendung aus Europa. Und mit dem Inkrafttreten der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) werden Scope-3-Daten künftig stärker von Investoren, Kunden und Aufsichtsbehörden geprüft.
Einkaufsteams in den Bereichen Einzelhandel, Bauwesen, Lebensmittel und Industriebedarf beginnen zudem, ESG-Kriterien in ihre Lieferantenauswahl einzubauen. Europäische Lieferanten machen es in der Regel einfacher, Angaben wie Herkunftsnachweise, Aufzeichnungen zu Arbeitspraktiken und Umweltleistungsdaten bereitzustellen. Solche Nachweise werden beim Onboarding von Lieferanten zunehmend zum Standard.
Strategisches Timing: Warum gerade 2026?
Mehrere Faktoren treffen 2026 zusammen und machen es sinnvoll, frühzeitig zu handeln, statt abzuwarten.
Zeitfenster für regulatorische Vorbereitung
Die EU-Mitgliedstaaten müssen die CSDDD bis Juli 2026 in nationales Recht umsetzen, und offizielle Leitlinien sind bis zum selben Termin fällig. Wenn Sie jetzt beginnen, Ihre Lieferkette zu kartieren und Lieferanten zu wechseln, haben Sie diese Leitlinien bereits zur Hand, während Sie arbeiten, statt zunächst eine Strategie zu entwickeln und sie anschließend an die Vorschriften anzupassen.
Verfügbare Kapazitäten
Europäische Hersteller, die nach der Pandemie in Automatisierung investiert haben, kommen jetzt richtig in Schwung. In einigen Branchen füllen sich die Auftragsbücher bereits, da immer mehr Unternehmen aus Europa beschaffen wollen. Lieferanten, die Sie 2026 ansprechen, bieten mit höherer Wahrscheinlichkeit bessere Konditionen, bevorzugte Produktionstermine und langfristigere Partnerschaften.
Volatilität der Zoll- und Handelspolitik
Die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China verändern sich fortlaufend. Zollerhöhungen im Jahr 2025 veranlassten in einer PwC-Umfrage zur Lieferkette etwa ein Drittel der Führungskräfte, über eine Verlagerung der Produktion aus China nachzudenken. Die Beschaffung aus Europa ist von den Schwankungen der US-China-Politik nicht betroffen – ein wichtiger Faktor, wenn Sie in beide Märkte verkaufen.
Zusammenfassung: Offshore- vs. europäische Beschaffung

Fazit
Steigende Offshore-Kosten, unvorhersehbare Frachtraten, strengere Compliance-Vorgaben und Nachhaltigkeitsziele sind Probleme, mit denen die meisten Einkaufsteams bereits einzeln zu kämpfen haben. Die Beschaffung aus Europa hilft, mehrere davon gleichzeitig anzugehen.
Die eigentliche Frage ist das Timing. Wer 2026 startet, solange noch Kapazitäten verfügbar sind und die Compliance-Regeln noch ausgearbeitet werden, hat mehr Spielraum für die Planung.
Entdecken Sie weitere Sourcing-Leitfäden, Compliance-Übersichten und Beiträge zur Beschaffungsstrategie auf Inside Business, dem B2B-Blog von wer liefert was.
- Neue EU-Regeln - wlw.de
- Globale Beschaffung: Vor- und Nachteile - wlw.de
- Nearshoring: Lieferketten in Nachbarländer verlagern | wlw - wlw.de
FAQ
Ist europäische Beschaffung tatsächlich kostenkonkurrenzfähig zu Asien?
Ja, oft näher dran, als man denkt. Betrachtet man nur den Stückpreis, liegt Asien meist vorn. Rechnet man aber Fracht, Lagerhaltung, die Behebung von Qualitätsproblemen und Compliance-Kosten mit ein, liegen die Gesamtkosten aus Europa oft nur 10–20 % höher – manchmal sogar niedriger.
Muss ich meine gesamte Beschaffung nach Europa verlagern, oder geht das auch schrittweise?
Schrittweise ist der Normalfall. Die meisten Unternehmen beginnen mit den Produkten, die die größten Probleme verursachen – lange Lieferzeiten, Compliance-Risiken, Unsicherheit in der Lieferkette – und weiten die Umstellung aus, sobald sie funktioniert.
Welche Produktkategorien eignen sich am besten für europäisches Sourcing?
Industriekomponenten, Präzisionsteile, Chemikalien, Verpackungen, Spezialtextilien, Elektronik-Baugruppen und Lebensmittelzutaten: Für diese Kategorien gibt es gute Optionen in Europa. Einfache, hochvolumige Konsumgüter mit hohem manuellem Arbeitsaufwand bleiben meist günstiger, wenn sie aus Asien bezogen werden.
Wie lange dauert ein Lieferantenwechsel in der Regel?
Ist ein Lieferant bereits verfügbar und das Produkt unkompliziert, dauert der Wechsel drei bis sechs Monate. Werden neue Werkzeuge, Zertifizierungen oder eine Lieferantenprüfung benötigt, sollte man eher mit einem Jahr rechnen.
Können europäische Lieferanten unser Volumen tatsächlich bewältigen?
Das hängt von der Branche ab. Die Kapazitäten sind seit der Pandemie gewachsen, aber in manchen Kategorien füllen sich die Auftragsbücher schnell. Wer frühzeitig Gespräche beginnt, hat die besten Chancen auf gute Konditionen und Produktionstermine.
Wie wirkt sich die CSDDD auf Unternehmen aus, die außerhalb der EU beschaffen?
Liegt Ihr Unternehmen über den Größenschwellen, sind Sie zur Sorgfaltspflicht verpflichtet – für Ihre direkten Lieferanten und teilweise auch für deren Zulieferer. Bei Lieferketten in Regionen mit schwächeren Arbeits- oder Umweltstandards bedeutet das höhere Prüfkosten und ein größeres rechtliches Risiko als bei EU-basierten Lieferanten.
Was ist der Unterschied zwischen Nearshoring und Reshoring?
Nearshoring bedeutet, die Produktion näher an den Heimatstandort zu verlagern – für europäische Einkäufer meist nach Mittel-/Osteuropa, Südeuropa oder Nordafrika. Reshoring bedeutet, die Produktion vollständig ins eigene Land zurückzuholen. Nearshoring lässt sich in der Regel schneller und günstiger umsetzen.



















